
...und die Sterne über mir
von Susann Gersten, 13.05.26
Ich träumte, ich stehe in einem hochgewachsenen Irrgarten, es ist dunkel, ich sehe nur den Schatten meiner Hand – sie wird von oben beleuchtet durch den Sternenhimmel über mir. Wie bin ich nur hierher geraten? Ich weiß es nicht mehr genau. Irgendwann bin ich hier hineingelaufen, ohne zu wissen, warum. Wo ist der Anfang und wo ist der Mittelpunkt? Die Hecken, die den schmalen Weg umrahmen, ziehen sich 3 Meter in die Höhe. Hinaufzuklettern ist unmöglich, die Dornen zu spitz.
Immer wieder blicke ich zu den Sternen hinauf, ich weiß nicht, warum. Doch irgendetwas hält mich davon ab stehenzubleiben – ich gehe weiter, ohne Wissen wohin und wonach ich suche. Suche ich nur den Weg, den Ausgang oder das Ziel? Ich glaube, ich habe genug Zeit, um darüber nachzudenken. Also setze ich einen Schritt nach dem anderen. Ah – da vorne scheint eine Biegung zu kommen. Ich kann sie nur erahnen, geführt vom Licht über mir. Ich folge ihr bis zur nächsten Kurve. Doch jetzt teilt sich der Weg. Was mache ich – links oder rechts?
Wonach soll ich gehen? Nach meinem Gefühl, nach meiner Angst oder nach dem Licht, das ich am Ende des rechten Weges sehen kann? Ich weiß es nicht. Gehe ich auf Risiko oder gehe ich auf Sicherheit? Zu viele Fragen, Fragen, die mich mehr lähmen als führen. Da ich mich nicht entscheiden kann, entscheide ich mich erstmal, nicht zu entscheiden, und halte inne. Ich setze mich auf den Boden des Irrgartens, schließe die Augen und atme.
Immer noch nichts: kein Impuls, keine Ahnung, kein Gefühl.
Also blicke ich wieder hinauf zu den Sternen und frage mich, ob die Sterne einander kennen – wer über ihnen, links neben ihnen, rechts neben ihnen oder unter ihnen leuchtet? Oder ob sie einfach nur sind — und genau dadurch leuchten? Gute Fragen, denke ich. Und so frage ich mich selbst: Ist es wichtig, ob ich links oder rechts gehe oder ist es viel wichtiger, dass ich überhaupt wähle? Dass ich gehe. Dass ich vertraue. Dass ich aufhöre, jede Entscheidung erst durch Sicherheit verdienen zu wollen. Vielleicht geht es manchmal nur darum, dass das Leben weiterfließen kann.
Gut, dann wähle ich jetzt links. Einfach so, ohne Grund. Ich nehme links – scheiß darauf, was passiert. Vielleicht werde ich überrascht. Vielleicht verletzt. Vielleicht lerne ich etwas – aber das hätte mir auch auf dem anderen Weg passieren können.
Und vielleicht geht es im Leben gar nicht immer darum, wofür wir uns entscheiden — sondern darum, dass wir uns irgendwann entscheiden. Nicht immer sofort. Nicht unter Druck. Nicht aus Angst. Manchmal braucht es einen Moment auf dem Boden eines Irrgartens. Geschlossene Augen. Einen Atemzug. Und den Blick hinauf zu den Sternen. Vielleicht wird uns dort gewahr, wie wir weitergehen möchten.
