Okay-Kurzprosa

OKAY

von Susann Gersten, 14.05.26

Hell – Dunkel, offen und weit – dicht drin, davor vs. dahinter. Ich stehe hinter ihm, hinter dem roten schweren Vorhang, er zeigt sich mir in einem samtenen Purpurrot. Es ist dunkel, nur vereinzelte Lichtpunkte werden erhellt – gerade so, das ich erkennen kann, was sich mir genau jetzt zeigen soll. Noch bevor ich es vor meinen Augen sehe, spüre ich es bereits, stärker, tiefer, intensiver – als Bilder oder Worte je sagen könnten. Hinter dem Schleier hier geht es nicht um das Leben da draußen, sondern um das, was in mir unvergessen blieb – über viele Jahre, ja, Jahrzehnte. Gefühle, Erinnerungen, unausgesprochene, ungeliebte und befreiende Wahrheiten. 

An manchen Tagen spüre ich sie stärker, diese innere vergessene, verdrängte Welt. Für mich tragen diese Momente viele Namen wie Portal- oder besondere Transittage. Mir bringen sie innere Einkehr, einen Augenblick des Innehaltens. Dieser Raum hinter dem Vorhang reist durch alle Zeiten mit uns mit. Ganz gleich, wodurch oder wen er in Erscheinung tritt, er dient mir im Taumel zwischen lautem Straßenlärm, Menschengeplapper und 1000 roten Ampeln zu sehen, was dem alltäglichen Auge verborgen bleibt und dem stammelnden Herzen entkommt. Diese Welt existiert vor dem Vorhang.

Beide Welten existieren parallel und synchron nebeneinander her – immer. Nur sind sie nicht imer gleich spürbar. Ich nenne es das Atmen des Feldes – bei einem tiefen Atemzug ziehe ich mich in mich hinein und schreite barfuß durch den Raum, holt es Luft, werde ich über Nacht zurück ins Leben gezogen. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir niemals vollständig verloren gehen können. Weil immer etwas bleibt. Hinter dem Vorhang. Wartend. Nicht laut. Nicht fordernd. Eher wie ein leiser Atemzug im Dunkeln.

Manchmal öffnet sich der dicke schwere samtige Stoff nur einen Spalt breit. Gerade genug, damit ein Gefühl hindurchgleiten kann. Ein Blick. Ein Satz. Eine Erinnerung ohne Bild. Und plötzlich stehe ich still, mitten zwischen Einkaufstaschen, hupenden Autos und den Gesprächen fremder Menschen, und weiß für einen winzigen Moment wieder, wer ich einmal gewesen bin. Oder vielleicht sogar noch immer bin? Es ist seltsam. Denn hinter dem Vorhang gibt es keine Ausreden. Keine Rollen. Keine Erklärungen dafür, warum etwas geblieben ist. An jenem Ort existiert nur Wahrheit. Roh, still und beinahe durchsichtig. Und doch wirkt sie nicht grausam auf mich. Eher wie etwas, das müde geworden ist vom Verstecken. Vielleicht erschrecken sich deshalb so viele Menschen davor? Weil man hinter dem Schleier nichts mehr kontrollieren kann? Weil man dort nicht beeindrucken, nicht funktionieren, nicht glänzen muss? Man begegnet dort nur sich selbst. Unverkleidet. Ich glaube inzwischen, dass der Vorhang nicht dazu da ist, uns fernzuhalten von uns selbst. Vielleicht schützt er uns lediglich davor, alles auf einmal fühlen zu müssen.


Und manchmal, wenn es ganz still wird in mir, lege ich meine Hand auf den schweren roten Stoff, schließe die Augen und flüstere nur ein einziges Wort:… „Okay.“

 

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