Größer als ich selbst bindestrichstory

Größer als ich selbst

von Susann Gersten, 07.04.26

Vielleicht ging es dir auch schon einmal so, dass du mit etwas in dir gelebt hast, das nie einen Namen bekam.
Es war einfach da. Wie ein Schatten, der nicht bedrohlich wirkte, weil er schon immer mit am Tisch saß. Wie eine Kälte im Raum, die niemand bemerkte, weil alle längst gelernt hatten, den Mantel nicht auszuziehen.

Manche Menschen wachsen so auf. Mit einem Gefühl, das sie nicht einordnen können und mit einer Dunkelheit, die ihnen niemand erklärt(e). Sie lernen früh, dass das Leben Kampf und Leistung bedeutet, ohne wirklich zu verstehen, warum. Dass Beziehungen Kraft kosten, ohne zu wissen, weshalb. Dass sie sich wieder und wieder in denselben Schmerzen, in denselben Schleifen, in denselben Fragen und sich drehenden Flashbacks verirren. Und weil ein Mensch nicht endlos nackt vor seiner eigenen Überforderung stehen kann, beginnen manche, sich irgendwann etwas zu bauen.

Kein Haus. Keine Mauer.
Eher eine Gestalt.
Eine zweite Version von sich selbst. Etwas Glänzenderes. Etwas Idealistischeres.
Etwas, das stärker wirkt, um den eigenen unverstandenen Schmerz darunter zu betäuben.

So eine Gestalt steigt morgens auf seine innere „Harley-Davidson“, dreht den Motor auf und tut so, als wäre sie für jedes Gelände gemacht. Für jedes Gespräch. Für jede Enttäuschung. Schnell – unnachgiebig. Für jede Dunkelheit. Und eine Zeit lang funktioniert das erstaunlich gut. Die anderen sehen den Glanz. Sie sehen die Haltung. Die Sicherheit. Den Antrieb. Sie sehen jemanden, der nicht zweifelt, nicht zögert, nicht zittert. Doch sie sehen auch Unnahbarkeit, Distanz und Kälte. Was die anderen nicht sehen: wie viel Kraft es kostet, jeden Morgen wieder in diese Figur hineinzusteigen. Wie erschöpfend es ist, größer zu sein als man selbst. Wie leer ein Abend werden kann, wenn der Motor ausgeht und der Mensch darunter wieder allein in der Küche am Fenster sitzt, mit sich, mit seiner Müdigkeit, mit seinem ungelebten Leben. Denn das Herausforderndste an den selbst kreierten „Schutzgestalten“ ist nicht, dass sie einem vormachen – „das bist Du“, viel mehr ist es, dass sie irgendwann mehr Raum einnehmen als das eigene Herz. Und irgendwann kommt ein Tag, an dem nichts mehr trägt. Kein Glanz. Kein Trotz. Keine Rolle. Kein innerer Chrom, der die Wahrheit überblendet.

Dann steht der Mensch plötzlich da, zum ersten Mal ohne Schutz, ohne Kontrolle und was übrig bleibt: ist etwas Rohes, etwas Zitterndes, etwas Ehrliches. Und das, was sich zunächst wie Verlust, Angst und bodenlose Leere anfühlt, ist der Beginn deines Wiederfindens.

Denn manchmal ist der größte Irrtum eines Lebens, dass man glaubte, hier nur überleben zu können, wenn man sich größer macht, als das eigene innere Maß hergibt – weil man dachte, so wie ich bin, sei ich zu klein.

Vielleicht ist Größe gar nicht das Leuchten. Vielleicht ist sie das Sitzenbleiben, dich selbst halten lernen – darin, wenn du nicht mehr glänzen musst. Das Aushalten der eigenen echten Form. Das langsame Verstehen, dass nicht das trägt, was beeindruckt, sondern das, was nicht erschöpft.

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